TABOR SOCIETY e.V. HEIDELBERG

Deutsche Gesellschaft zur Förderung orthodoxer Kirchenschulen in Äthiopien

System der Kirchenschulen

Über die Jahrhunderte hinweg hat sich in der orthodoxen Kirche Äthiopiens ein hochentwickeltes System kirchlicher Schulen ausgebildet, das allein für Bildung und religiöse Ausbildung von Priestern und Laien zuständig war. Erst vor knapp 100 Jahren entstanden die ersten staatlichen Schulen in Äthiopien. In dem mehrstufigen System der Kirchenschulen werden nicht nur Grundkenntnisse vermittelt, sondern – darauf aufbauend – die gesamte Glaubenslehre und Liturgie der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Zu Recht verstehen sich daher einige der Kirchenschulen als theologische Hochschulen. Als Universitäten bezeichneten sie schon europäische Reisende des 16. Jahrhunderts. Auch heute noch existieren mehr als 2000 Kirchenschulen vor allem in ländlichen Gegenden und damit ein flächendeckendes Netz von Schulen im christianisierten Teil Äthiopiens.

Bei jeder größeren Kirche gibt es eine Grundschule (Nebab Bet - ' Haus des Lesens' ), in der die Jungen und Mädchen die alte Kirchensprache Ge'ez und das moderne Amharisch lesen und schreiben lernen, lesen mit Hilfe der Psalmen Davids, die ständig rezitiert und repetiert werden, schreiben mit Hilfe des 1.Johannesbriefs. Deshalb können heute noch viele Äthiopier die Psalmen auswendig. Wer die Psalmen fehlerfrei vortragen kann, kann zum Diakon geweiht werden.

Diese Grundschule ist nicht nur die Basis für die weiterführenden Kirchenschulen. Auch die staatlichen, säkularen Schulen setzen oft die Kenntnis des amharischen Alphabets mit seinen 275 Buchstaben bei der Aufnahme voraus.

Im Alter von 10-12 Jahren laufen viele Jungen von zuhause weg, um nicht Vieh hüten zu müssen, sondern lernen zu können. Sie suchen sich einen Lehrer, der ihnen zusagt. Wenn die Jungen dann einige Proben bestanden haben, die der künftige Lehrer ihnen auferlegt, kann der Lehrer den Jungen als Schüler ' adoptieren'. Der Lehrer wird zum Vaterersatz für den Jungen.

Die Schüler werden nicht nach Stundenplan und in festen Klassenverbänden unterrichtet, sondern erhalten vor allem Einzelunterricht vom Lehrer und lernen dann gemeinsam in wechselnden Lerngruppen die heiligen Texte auswendig. Die Kirchenschüler leben in großer Armut vom Betteln, von Armenspeisungen, Diensten als Schreiber oder von Gelegenheitsjobs.

Die Lehrer sind Mönche oder verheiratete Priester, aber auch gebildete Laien, die sogenannten Debteras. Die Lehrer werden traditionell von der Dorfgemeinschaft unterhalten. Oft haben sie aber auch ein Stück Land, das sie gemeinsam mit den Schülern bewirtschaften.Wenn die Lehrer Mönche sind, sorgt das Kloster für den Lebensunterhalt.

In der Regel unterrichten die Lehrer ausschließlich ihr Fach. An einer Kirchenschule kann es nur einen, aber auch mehrere Lehrer für die verschiedenen Fächer geben. Wenn die Schüler ein bestimmtes Fach absolviert haben, wechseln sie den Lehrer und oft auch die Schule. Deshalb sind die Schüler kaum zu motivieren, sich z.B. durch Gartenarbeit für die Verbesserung der Lebensumstände an ihrer Schule einzusetzen. Sie betrachten sich nur als zeitweilige Gäste und ein solcher Einsatz würde ihre Ausbildungszeit nur verlängern.

Wer von den Kirchenschülern Priester werden will, muss mindestens das Qedasse bet -'Haus der Liturgie' absolvieren, wo Grundkenntnisse in Liturgie vermittelt werden. Viele Priester auf dem Land können nur die 'Göttliche Liturgie' zelebrieren. Theologen sind sie nicht.

Als höchste und schwierigste Stufe im Kirchenschulwesen gelten die Fächer des Zema Bet – 'Haus des Liedes'.

Im Deggwa Bet – Haus der Hymnen lernen die Studenten alle Lieder und Hymnen, die vor, während und nach der Liturgie im Laufe des Kirchenjahres zu singen sind, sowie die dazugehörigen Tänze und den Einsatz von Trommel, Sistrum und Gebetsstab. Insgesamt sind es ca. 10.000 Texte, die der ausgebildete Debtera in Wort und Melodie kennen sollte.Verständlich, dass die Ausbildung nicht nur Jahre, sondern Jahrzehnte dauern kann.

Als besonders schwierig gilt auch Quene, die Dichtung in der toten Kirchensprache Ge'ez . Dabei geht es um die Kunst, in gleichlautenden vordergründigen Worten ( 'Wachs' ) eine verborgene tiefsinnige Bedeutung ('Gold)' auszudrücken. Gelehrt wird diese Kunst im Quene Bet – 'Haus des Gedichtes'

Am längsten dauert die Ausbildung im Mashaf Bet- 'Haus des Buches'. Hier wird die Auslegung der Bibel, der Schriften der Kirchenväter und kirchenrechtlicher Sammlungen gemäß der Tradition gelehrt. Nach dieser Ausbildung können die meisten Absolventen die ganze Bibel und die Kommentare der Kirchenväter dazu auswendig.

Die Kirchenschulen, so wie sie seit Jahrhunderten bestehen, sind für die Weitergabe der orthodoxen Tradition und damit indirekt auch für die Weitergabe des christlichen Glaubens unverzichtbar.