TABOR SOCIETY e.V. HEIDELBERG

Deutsche Gesellschaft zur Förderung orthodoxer Kirchenschulen in Äthiopien

Äthiopisch-Orthodoxe Kirche

Etwa die Hälfte der ca. 95 Millionen Äthiopier sind Mitglieder der äthiopisch-orthodoxen Kirche, vor allem die Amharen und Tigriner. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche, offiziell Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo Kirche genannt, ist die zweitgrößte orthodoxe Kirche der Welt.

Die christliche Mission in Äthiopien begann mit Frumentius, dem ersten Bischof, im 4. Jahrhundert n. Chr. und vor allem ein Jahrhundert später durch die Neun Heiligen, vertriebene Mönche aus Syrien.

Der erste Bischof für Äthiopien, Abuna Frumentius, wurde von Patriarch Athanasius von Alexandrien geweiht. Von da an war die orthodoxe Kirche Äthiopiens jahrhundertelang nur ein Bistum der koptisch-orthodoxen Kirche Ägyptens und ihr Bischof, der Abuna, jeweils ein Ägypter. Faktisch wurde in dieser langen Zeit bis hin zu Kaiser Haile Selassie die orthodoxe Kirche Äthiopiens vom Kaiser, seinem Beichtvater oder dem Abt des Klosters Debre Libanos geleitet. Erst 1958 wurde die Kirche Äthiopiens eine selbstständige orthodoxe Kirche mit eigenem Patriarchen. Wegen dieser Geschichte sprechen manche heute noch irrtümlich von der koptischen Kirche Äthiopiens.

Durch die Abhängigkeit von Alexandria wurde die äthiopisch-orthodoxe Kirche auch in die christologischen Streitigkeiten der Alten Kirche gezogen und gehört heute zur Familie der non-chalcedonensischen orientalischen Kirchen, die die Ergebnisse des Konzils zu Chalcedon von 451 n.Chr. ablehnen. Erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts führten intensive theologische Gespräche zwischen chalcedonensischen orthodoxen Kirchen und non-chalcedonensischen orthodoxen Kirchen zu dem Ergebnis, dass beide Kirchenfamilien im Christusglauben einig sind, auch wenn sie ihn verschieden formulieren. Einig ist man sich auch, dass im 5. Jahrhundert n. Chr. vor allem politische Konflikte zwischen dem byzantinischen Reich und den nach Autonomie strebenden Provinzen Ägypten und Syrien zur Trennung der Kirchen geführt haben.

Wie keine andere christliche Kirche pflegt die äthiopisch-orthodoxe Kirche ursprünglich jüdische Traditionen und Gebräuche (Beschneidung der Jungen, Verehrung der Bundeslade, Heiligung des Sabbats, Speisegebote).

Das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Äthiopien war in der langen gemeinsamen Geschichte von wenigen Ausnahmen abgesehen meistens friedlich. Heute wird die friedliche Koexistenz von fundamentalistischen Muslimen und fundamentalistischen evangelikalen Christen gestört.

Ähnlich wie in anderen orthodoxen Kirchen vollzieht sich das kirchliche Leben vor allem in der Feier der Liturgie. Der Liturgie dienen auch die Ikonen und der reiche Schatz der Hymnen. In den Kirchenschulen der äthiopisch-orthodoxen Kirche werden die Liturgie, die Hymnen, Texte der Bibel und der Kirchenväter auswendig gelernt, eingeübt und erklärt. Weil auch schon Knaben, die die Grundstufe der Kirchenschule absolviert haben, zu Diakonen geweiht werden können und dann in etwa die Funktion eines Ministranten haben, hat die äthiopisch-orthodoxe Kirche einen sehr zahlreichen Klerus, geschätzt auf 200000 Kleriker, ausschließlich Männer.

Der Alltag der äthiopisch-orthodoxen Christen ist stark vom Festkalender der Kirche, von orthodoxen Riten und Gebräuchen geprägt. Die Zahl der Fastentage ist sehr groß. Daneben gibt es auch eine ausgeprägte Volksfrömmigkeit mit Marien – und Heiligenverehrung, Heilern und Magiern.

Die äthiopisch-orthodoxe Kirche ist die einzige Kirche Afrikas, die nicht das Ergebnis westlicher Missionsarbeit ist. Die äthiopisch-orthodoxe Kirche ist eine eigenständige, inkulturierte afrikanische Kirche. Sie hat deshalb unter den Kirchen Afrikas großes Prestige und großen Einfluss. Zur Zeit der italienischen Besatzung hat sie für den Erhalt der Unabhängigkeit Äthiopiens, das nie Kolonie war, eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt.